Von Kuddla und Milchkännle

Von Kuddla und Milchkännle

Nicht nur in der Philosophie ist die Frage „Was ist Heimat?“ ein gern diskutiertes Thema. Wohl jeder einzelne von uns stellt sich irgendwann einmal, vielleicht sogar mehrmals im Leben die Frage danach, wo und warum er sich gerade an diesem einen Ort zuhause fühlt, anderswo aber nicht. In meinem Fall lässt sich diese Frage überraschend einfach beantworten: Meine einzige Heimat ist Calw!


Ich wurde dort geboren, bin anschließend in Gechingen aufgewachsen, besuchte von der ersten bis zur vierten Klasse die Schlehengäu-Schule. Für mich ist diese Gegend bis heute meine Heimat. Zweifellos. Da muss ich gar nicht lange überlegen. Und das sage ich, obwohl ich durchaus schon in einigen anderen Städten Halt gemacht habe. Als Profisportler ist es einfach Teil des Geschäfts, dass man immer wieder seinen Wohnort wechseln muss. Wie in meinem Fall auch gerne mal über Landes- und Kontinentgrenzen hinweg.


So zog ich nach meinem Schulabschluss 1999 zunächst nach Schwenningen, bekam dort meinen ersten Eishockey-Profivertrag bei den Wild Wings in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Weiter ging es nach Mannheim, es folgten San José, Nashville, Florida, St. Louis und Pittsburgh. Seit 2015 bin ich wieder in Deutschland, wieder in Mannheim. Obwohl ich gerne und inzwischen in meinem insgesamt siebten Jahr in der Kurpfalz wohne, meine Familie und ich hier Freunde gefunden haben, würde ich Mannheim (noch) nicht als meine Heimat bezeichnen. Allein schon, weil es hier im Vergleich zu unserer Region einfach keine gescheiten Brezeln gibt.


Aber Spaß beiseite: Anscheinend sind es genau diese Dinge, die wichtig dafür sind, ob man einen Ort als Heimat bezeichnet oder nicht. Zumindest ist es für mich so. Und es sind ja nicht nur die Brezeln. Wenn wir gerade beim Thema Essen sind: Ich erinnere mich genau an das Svickovà, ein traditionelles tschechisches Gericht, von meiner Oma. Oder natürlich an die ganz klischeehaften schwäbischen Gerichte Maultaschen und Spätzle. Stichwort: Kuddla – um noch eine weitere Delikatesse zu nennen. Das alles schmeckt nirgendwo anders so gut wie bei uns.


Auch wenn ich in den letzten Jahren eher selten, aber dennoch regelmäßig, zuhause gewesen bin, habe ich zahlreiche solche Erinnerungen. Wie ich und ein paar Kumpels uns auf den Weg zum Gültinger See gemacht haben beispielsweise. Dort im Winter Schlittschuh gelaufen sind (natürlich schon immer mit Schläger und Puck im Gepäck), im Sommer schwimmen waren. Wir rannten durch die dichten Wälder, mit Pfeil und Bogen. Ich habe Fußball bei den Sportfreunden Gechingen gespielt. Und Tennis. Dabei sind Freundschaften entstanden, die zu großen Teilen bis heute anhalten. Auch meine Frau habe ich in dieser Zeit kennengelernt. Genauer gesagt war sie meine Klassenkameradin in der Realschule Althengstett. Ich durfte immer bei ihr abschreiben. Das verpflichtet natürlich.


Ich habe auch noch genau vor Augen wie ich mit einem leeren Milchkännle die Straße entlanggelaufen bin, bis zur Bauersfrau. Für zwei D-Mark bekam ich die Kanne mit Milch gefüllt. Quasi direkt von der Kuh. Mit Stolz erfüllt machte ich mich auf den Rückweg. Dass meine Eltern und Großeltern noch heute in demselben Elternhaus leben, meine Kinder in meinem ehemaligen Kinderzimmer schlafen, wenn wir zu Besuch sind, ist sicher auch ein wichtiger Faktor, weshalb ich mich in Calw heimisch fühle.


Die Region war immer ein Rückzugsort für mich, für uns. Ist sie immer noch. Meine Brüder spielen oder spielten ebenfalls Eishockey. Wenn die Saison zu Ende war, kamen wir alle in Calw zusammen. Und wann immer ich nach Hause komme, helfe ich auf dem Gemüse- und Kartoffel-Acker meiner Eltern. Das habe ich früher auch gemacht, allerdings deutlich weniger freiwillig als heute. Das muss ich gestehen.

In unserem kleinen Flegga kennt einfach jeder jeden. In der Großstadt ist das Leben deutlich schneller, hektischer, isolierter. Wenn der örtliche Supermarkt kaum größer ist als ein einzelnes Großraumbüro verlierst du nie den Überblick. Selbst wenn du erst nach Jahren wieder vorbeikommst, weißt du noch wo alles steht. Alles ist vertraut.


Nicht zuletzt fühlt es sich einfach richtig an, Calw als meine Heimat zu bezeichnen. Mit jedem Kilometer auf der Autobahn, den wir näher an Calw kommen, fühle ich mich der Heimat einen Kilometer näher. Für mich sind es demnach diese Erinnerung, Assoziationen an die Region, die liebgewonnen Gewohnheiten, das Vertraute, was Calw und die Region für mich zu meiner Heimat macht. Einen Ort, den ich bislang noch kein zweites Mal gefunden habe.

Ghostwrite für Marcel Goc, erschienen in: „Landkreis Claw – ganz persönlich“